11. März 2026, Nürnberg — Die Kiefer, die Revierleiter Hans-Joachim Ulrich umarmt, ist etwas Besonderes: Der Überhälter hat ein geschätztes Alter von 140 Jahren. Damit ist der wunderschöne Baum einer der wenigen, der die massive Kiefernspannerkalamität Ende des 19. Jahrhunderts überlebt hat, die weite Teile des Reichswaldes einst schlagartig in eine Ödnis verwandelte.
Sacht berührt Ulrich die Rinde. „Bäume wie diese geben mir Hoffnung, dass wir angesichts des Klimawandels noch eine Chance haben“, sagt er. Ulrich spricht stets leise, unaufdringlich, aber nicht weniger eindringlich. Denn wenn er spricht, hören sie zu: Schulklassen, Konfirmanden, Naturschützer, Spaziergänger. Aber auch Forstwirte, Forstwirtschaftsmeister, Revierleiterinnen und Revierleiter, alle Kollegen der Bayerischen Staatsforsten. Denn nur wenige können über eine so lange Zeitspanne aus demselben Revier berichten wie „der Achim“, wie die Kollegenschaft ihn nennt.
„Der Achim“ ist seit 1987 verantwortlich für das Forstrevier Zerzabelshof. Und dieses Revier ist nicht irgendeines in Nürnberg, sondern das vermutlich am stärksten von Erholungssuchenden aller Couleur besuchte. „Zabo“ -so die Nürnberger Kurzform - schmiegt sich um den Tiergarten Nürnberg, die Waldwege hier verbinden Mögeldorf, Zerzabelshof und die Ausläufer von Fischbach und Altenfurt. Mit dem Sandweg und Pulverweg führen zwei Haupteinfallsrouten für Fahrradpendler nach Nürnberg hinein durch Achim Ulrichs Revier. Die Buchenklinge, an der schon Dürer sich labte und feierte, oder seit den 80er Jahren das Reichswaldfest: Alles befindet sich in Zerzabelshof. Hier befindet sich der mittlerweile etwas in die Jahre gekommene Walderlebnispfad und mit dem Fischbach einer von vier Naturwäldern um Nürnberg. Der Stützpunkt der Waldarbeiter ist eine alte Strafanstalt, aufgelassen, aus der Zeit gerissen. Ein Lost Place mit ganz eigenem Charme.
Ein Hotspot mit vielen Entwicklungen
Und auch die jüngsten Entwicklungen gingen am Hotspot Zerzabelshof nicht vorbei: Das Trailnetz Schmausenbuck, das die sportlichen Ambitionen der Nürnberger Mountainbiker rund um Mountainbike-Initiativen wie die DIMB (Deutsche Initiative Mountianbike) auf legalen, von der Community betreuten Anlagen und Trails bündelt, entstanden hier. Maßgeblicher Faktor dabei: Der Revierleiter Hans-Joachim Ulrich, der mit sachlicher Kompetenz die Lager zum Zusammenrücken brachte und von allen Beteiligten als ruhige Instanz geschätzt und akzeptiert wird.
Hans-Joachim Ulrich ist geprägt worden von seinem Revier. Doch er hat es auch nachhaltig geprägt. Denn er hat es immer verstanden, die verschiedenen Interessen der Menschen um ihn herum wahrzunehmen, anzunehmen und dann miteinander in Einklang zu bringen.
Dabei war dieser Weg nicht unbedingt vorgezeichnet: Der junge Hans-Joachim wollte erst in eine ganz andere Richtung los. Doch dann ging es plötzlich sehr schnell: „Ich bin vom Grundwehrdienst bei der Bundeswehr in Bad Reichenhall gar nicht mehr nach Hause gekommen, sondern direkt zum Studium nach Freising“, blickt der 64-Jährige zurück. Ein frühes Praktikum während der Studienzeit führte Ulrich, der ursprünglich aus Elmshorn, Kreis Pinneberg stammt, dann nach Güntersbühl bei Nürnberg. Auch in der weiteren Studienzeit blieb Ulrich Franken treu: Einer Station in Fichtelberg folgte eine in Bad Kissingen. Ins Gebirge zog es den begeisterten Bergsteiger beruflich nie -er bevorzugte im Gegenteil die Nähe zur Stadt. Warum? Ulrich denkt einen Moment nach. „Ich mag den Umgang mit Menschen einfach“, sagt er dann und lacht.
„Als ich 1987 hier am Forstrevier angefangen habe, war das eine ganz andere Zeit. Damals galt die Devise: Grüne Bäume bleiben. Es wurde wenig bis gar nicht durchforstet, dafür jede Menge dürres Zeug geschnitten und verkauft“, erinnert sich der Förster. 1800 Festmeter pro Revier und Jahr? Damals noch gang und gäbe. „Dann kam der große Knackpunk mit dem neuen Nürnberger Forstamtsleiter Karl-Friedrich Sinner, der eine ganz neue Strategie verfolgte: Mit einem Mal wurden auch grüne Bäume umgeschnitten und der Waldumbau in Angriff genommen.“ Diese drastischen Maßnahmen trafen nicht immer auf die Gegenliebe der Bevölkerung. „Ich kann mich an Beschwerden erinnern, die gingen bis hoch zur Staatskanzlei“, schmunzelt Ulrich.
Stets ein offenes Ohr
Doch die Forstpioniere blieben in ihrem Kurs standhaft, durchforsteten weiter und pflanzten wie die Teufel. „Es ist manchmal nicht ganz einfach, die Bevölkerung abzuholen“; sagt Ulrich. „Die Tatsache, dass wir tagtäglich Dinge tun, die sich erst in einer oder zwei Generationen bemerkbar machen werden, ist für viele Menschen schwer vorstellbar.“ Die Schnelllebigkeit der heutigen Zeit erfordere besonderes Vermittlungsgeschick, gerade auch in Zeiten des Klimawandels. Zu erklären, warum die Entnahme von Bäumen gerade jetzt auch wichtig und richtig sei, erfordere Fingerspitzengefühl, glaubt Ulrich. „Und ein offenes Ohr für das Gegenüber.“
Heute steht Zerzabelshof insgesamt gut da: der Unterbau der Sinner-Jahre hat eine solide Basis gelegt und mündete in die Bemühungen seit der Gründung der Bayerischen Staatsforsten vor zwanzig Jahren, diese wertvollen Bestände weiter zu sichern, zu pflegen und auszubauen. Für Achim Ulrich und seine Kollegen bedeutete die Forstreform immer auch einen Zuwachs an Fläche im Revier und damit mehr Verantwortung. Für strategisch weniger zielführend hält der Forstmann mit den offenen Ohren die Entscheidung, die BaySF-Revierleiter weitestgehend aus der Kommunikation herauszunehmen. „Jedes Kind von Zabo, dem ich etwa im Rahmen einer Schulklassenführung den dicken Baum im Wald gezeigt hab, hat was bewegt. Denn dieses Kind geht in der Woche drauf mit seiner Familie in den Wald und erzählt weiter, was es gelernt hat“, ist Ulrich überzeugt. So sei viel Verständnis über forstliches Handeln auf einer breiten Basis entstanden. Mit großer Bereitschaft zuzuhören.
Deswegen hat Achim Urlich niemals völlig aufgehört mit Touren durch „seinen Wald“. In keinem anderen Nürnberger Revier haben in den vergangenen Jahren mehr Pflanzaktionen stattgefunden als hier. Und deswegen ist auch das Reichswaldfest des Bund Naturschutz, das seit den 80er Jahren im Forstrevier Zabo entstand und das alljährlich Mitte Juli an zwei Tagen viele Tausend Menschen in den Forst beim Tiergarten bringt, für Achim Ulrich immer viel mehr gewesen als nur ein Pflichttermin: „Hier kommt man mit Menschen ins Gespräch, die tief mit ihrem Wald verbunden sind und sich nicht selten auch sehr gut auskennen.“ Hier suchte der Revierleiter ganz gezielt Kontakt, stellte sich unbequemen Fragen, warb um Verständnis – und erwarb sich Respekt.
Nachfolger Laschinger freut sich auf Aufgabe
Den hat auch Ulrichs Nachfolger, der Revierleiter Dominik Laschinger, der am Forstbetrieb Nürnberg zuletzt das Forstrevier Brunn kommissarisch betreute, vor der Mammutaufgabe Zerzabelshof: „Achim hat mich gut eingearbeitet und mir die vielen Besonderheiten dieses nicht ganz alltäglichen Reviers Stück für Stück erklärt“; so der 43-Jährige. Mit Kommunikation im urbanen Raum kennt Laschinger sich bereits aus, betreute er doch vor seinem Wechsel zur BaySF im Mai 2025, vier Jahre den Kommunalwald der Stadt Neumarkt. „Natürlich ist das Staatsforstrevier Zabo noch einmal eine andere Hausnummer, aber ich freue mich sehr darauf, Achims Lebenswerk nun fortsetzen zu dürfen“, sagt Laschinger.
Forstbetriebsleiter Johannes Wurm vom Forstbetrieb Nürnberg dankt Hans-Joachim Ulrich ausdrücklich für sein herausragendes Engagement für den Reichswald über mehrere Jahrzehnte: „Für den Forstbetrieb Nürnberg endet mit seinem Abschied eine Ära, die von fachlicher Kompetenz, menschlicher Nähe und großem Engagement geprägt war.“
Und was macht der gute Geist vom Forstrevier Zerzabelshof ab März? „Ich bin intensiv im Kirchenvorstand meiner Gemeinde in Zabo eingebunden, unter anderem im Chor“, sagt Ulrich. „Hierfür künftig etwas mehr Zeit zu haben freut mich sehr.“ Große Reisen seien erstmal noch nicht geplant. Wobei? „Eine Alpenüberquerung wäre schon mal wieder toll.“
Aber auch „seinem“ ehemaligen Wald wird Achim Urlich auf jeden Fall erhalten bleiben. „Hier stehen auf einer Fläche Bäume, die wir gepflanzt haben, als mein Sohn auf die Welt kam. Deren Aufkommen weiter zu erleben macht mein Herz froh.“
Hans-Joachim Ulrich vor einer von zahlreichen Eichen- und Buchenpflanzungen, die in seiner Amtszeit von fast 40 Jahren im Forstrevier Zerzabelshof angefallen sind. Foto: Sebastian Linstädt, BaySF