Prima für das Klima

Bewirtschaftete Wälder haben eine bessere CO2-Bilanz als nicht bewirtschaftete Wälder - Interview mit Dr. Joachim Krug (Johann Heinrich von Thünen-Institut in Hamburg) über die Irrungen und Wirrungen von Greenpeace

Bewirtschaftete Wälder sind klimafreundlicher als nicht bewirtschaftete Wälder

"Vor allem in den ersten Jahrzehnten ihres Wachstums entziehen Bäume der Atmosphäre viel mehr Kohlenstoffdioxid als in späteren Jahren, d.h. die Senkenleistung junger Wälder ist hoch." Dr. Joachim Krug

Heiß diskutiert ist derzeit das Thema, ob bewirtschaftete Wälder mehr CO2 binden als Urwälder. Die Hamburger Umweltgruppe Greenpeace stellt wiederholt die Behauptung auf, dass nicht bewirtschaftete Wälder hier eine bessere Klimabilanz hätten – und beruft sich dabei auch auf die Forschungsarbeit von Dr. Joachim Krug. Dr. Krug ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Weltforstwirtschaft, Johann Heinrich von Thünen-Institut in Hamburg. Einer seiner Arbeitsschwerpunkte ist das Thema „Klimawandel und Wald“. Wir haben mit Hr. Dr. Krug über das Thema gesprochen.

BaySF: Herr Dr. Krug, die Umweltgruppe Greenpeace bezieht sich auf Ihre Forschungen (1) und behauptet, dass nicht bewirtschaftete Wälder mehr Kohlenstoffdioxid binden als bewirtschaftete Wälder. Was sagen Sie dazu?
Dr. Joachim Krug: Derart pauschal ausgedrückt ist das nicht richtig, bzw. irreführend: unbewirtschaftete Wälder binden (im Sinne von „halten“) durchaus mehr Kohlenstoff (C) in der Biomasse und im Boden. Das ist quasi wie ein Sparbuch. Dieses Sparbuch hat aber nur geringe Zinsen, da jeder weitere Zuwachs durch Zerfallsprozesse wieder (größtenteils) zunichte gemacht wird. Auch Wälder haben kein unbegrenztes Wachstum. Ein bewirtschafteter Wald hingegen befindet sich in einer ständigen Aufbauphase, hier wird laufend „neues“ Kohlenstoffdioxid (CO2) der Atmosphäre entnommen und Kohlenstoff gebunden: bewirtschaftete Wälder binden also aktiv (im Sinne von „entnehmen“) Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre, und zwar vielfach mehr als unbewirtschaftete Wälder. Das ist dann sozusagen die Lohntüte, die das Sparbuch erst auffüllt. Es ist also ungemein wichtig, sowohl Urwälder zu schützen (um den Vorrat an gespeicherten Kohlenstoff zu bewahren) UND produktive Wälder zu bewirtschaften, um aktiv CO2 aus der Atmosphäre zu entnehmen: Erst durch das Entnehmen von CO2 aus der Atmosphäre können wir dem Klimawandel entgegentreten. Es ist also falsch, das Ganze nur aus einem gewünschten Blickwinkel heraus zu bewerten: Dies lässt auch noch weitere wichtige Einflussgrößen wissentlich außer Acht. Dadurch münden die Auslegungen in nicht haltbare Aussagen.

Welche anderen Einflussgrößen meinen Sie?
Greenpeace geht davon aus, dass ein Baum die Fähigkeit verliert, Kohlenstoff zu binden, wenn er gefällt wird. Das ist natürlich Unsinn. Holz als Baustoff oder in der Verwendung für Möbel oder Böden bindet Kohlenstoff über viele Jahre, in besonderen Fällen sogar für viele Jahrhunderte. Darüber hinaus berücksichtigt Greenpeace den Substitutionseffekt nicht: Holz ersetzt fossile Energieträger wie Kohle oder Erdöl und andere energieintensiv hergestellte Baustoffe. Damit verhindert das Holzprodukt, bzw. der Wald als „grünes Kraftwerk“, Treibhausgase, die woanders entstehen würden. Dieser Substitutionseffekt kann auch den Effekt der zusätzlichen CO2 Entnahme aus der Atmosphäre deutlich übertreffen.

Haben Sie Greenpeace darauf hingewiesen?
Ja, das ist auch alles schon lange bekannt und auch z.B. durch Veröffentlichungen und Forschungen meiner Kollegen in Eberswalde und Hamburg ausführlich belegt.

Und wie hat Greenpeace reagiert?
Nur ansatzweise: Greenpeace hat zwar eine Grafik, die auf der Arbeit von meinen Kollegen und mir beruht und für die Greenpeace Kampagne herangezogen wurde, verbessert, aber die irreführende Auslegung wird nach wie vor auf der Greenpeace-Seite zum Download angeboten. (2)

Die Senkenleistung der Wälder beschreibt – vereinfacht gesagt - die Fähigkeit der Wälder, zusätzliches Kohlenstoffdioxid zu binden. Das ist die zweite wichtige Größe neben der Speicherfähigkeit, also der Menge des bereits gebundenen Kohlenstoffs.
Genau. Bei der Senkenleistung stellen wir tatsächlich seit 1990 und insbesondere in den letzten zehn Jahren einen deutlichen Rückgang fest. Die Gründe dafür liegen unter anderem in der Altersklassenstruktur unserer Wälder: Nach dem ersten und zweiten Weltkrieg wurden viele Wälder neu aufgeforstet. Vor allem in den ersten Jahrzehnten ihres Wachstums entziehen Bäume der Atmosphäre viel mehr Kohlenstoffdioxid als in späteren Jahren, d.h. die Senkenleistung junger Wälder ist sehr hoch. Diese Fähigkeit nimmt später ab, das heißt die Senkenleistung geht zurück. Und das bekommen wir inzwischen zu spüren. Die Behauptung von Greenpeace, dass die nachlassende Senkenleistung auf eine Übernutzung der Wälder zurückzuführen ist, ist falsch. Auch die weiteren Ausführungen der Greenpeace Kampagne sind aus forstwissenschaftlicher Sicht nicht nachvollziehbar, bzw. erscheinen frei erfunden.

Welche weiteren Ausführungen meinen Sie?
Zum Beispiel die pauschale Behauptung, dass es unter C02-Gesichtspunkten sinnvoller sei, die Wälder älter werden zu lassen. Für den Klimaschutz würde das ab einer gewissen Grenze gar nichts bringen. Wenn wir die Substitutionsleistung mit in Betracht ziehen, kann das sogar in ein Gegenteil umschlagen. Oder auch die Aussage, dass eine "moderate Nutzung der Wälder [...] eine signifikante Senke für 10 Prozent der fossilen Emissionen..." darstellen könnte, ist so pauschal in keiner Weise haltbar. Rein vom Aspekt der Speicherleistung her betrachtet, müsste man hierzu sogar die Wälder eher intensiv nutzen und stark verjüngen als zu alt werden zu lassen – oder zumindest die Bestandesstrukturen sehr deutlich ändern.

Im Rahmen der „Ausgebucht“-Kampagne behauptet Martin Kaiser von Greenpeace, dass die Wälder in Deutschland „ausgeplündert werden wie im Mittelalter“(3). Wenn man weiß, dass im Mittelalter ganze Landstriche entwaldet wurden, ist das ein schwerer Vorwurf. Hat Herr Kaiser Recht?
Das ist Unsinn. Die deutschen Wälder weisen europaweit schon jetzt mit die höchsten Vorräte auf. Unsere Wälder werden im Rahmen der Nachhaltigkeit genutzt: Es wird noch nicht einmal so viel entnommen wie nachwächst. Der Wald als Lebensraum mit höchster Biodiversität und vielfältigsten Umweltleistungen ist das Produkt und das Ergebnis der bereits über Jahrhunderte andauernden Waldbewirtschaftung.

Hr. Dr. Krug, vielen Dank für das Gespräch!

(1) vgl. AFZ-Der Wald: Ausgabe 17, 2010, S. 30 ff
(2) http://www.greenpeace.de/fileadmin/gpd/user_upload/themen/waelder/CO2-Aufnahme-Wald-Dt-1_big.jpg
(3) www.greenpeace.de/themen/waelder/kampagnen/   --> Der Link zum podcast ist am Ende der Seite, Zitat bei Minute 2:36



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Kommentare

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Marion Stein
20.04.2012 - 23:11 Uhr

Hallo Herr Kramer,

Herr Konrad Prielmeier (Bayerische Staatsforsten) hat es doch schön zusammengefasst:

"Die Forderung nach Flächenstilllegungen in Höhe von 10% der öffentlichen Waldfläche ist eine Forderung aus der nationalen Biodiversitätsstrategie des Bundes. Die genauso wie die Bundesregierung demokratisch gewählte und legitimierte Regierung des Freistaats Bayern hat eine eigene, bayerische Biodiversitätsstrategie beschlossen. Diese (und nicht die von der Bundesregierung beschlossene Strategie) ist für Bayern maßgeblich."

Hinzuzufügen ist obigem nur noch, dass Herr Seehofer (damaliger Bundesminister) mit der Verabschiedung der Nationalen Biodiversitätsstrategie der Flächenstilllegung auf 10% des Staatswalds zugestimmt hat.

Mit freundlichen Grüßen
Marion Stein

Stephan Günther
20.04.2012 - 17:52 Uhr

"Ein bewirtschafteter Wald hingegen befindet sich in einer ständigen Aufbauphase, hier wird laufend „neues“ Kohlenstoffdioxid (CO2) der Atmosphäre entnommen und Kohlenstoff gebunden: bewirtschaftete Wälder binden also aktiv (im Sinne von „entnehmen“) Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre, und zwar vielfach mehr als unbewirtschaftete Wälder."

Diese Kernaussage von Herrn Dr. Krug möchte ich anzweifeln: Unsere Holzprodukte sind heutzutage zum größtenteil recht kurzlebig (Papier, Spanplatten, Paletten...), das meiste Kohlendioxid wird somit bereits nach wenigen Jahren wieder freigesetzt.

In unbewirtschafteten Wäldern benötigt das Totholz nicht nur "...in Einzelfällen..." Jahrzehnte und Jahrhunderte bis zur vollständigen Zersetzung - und dann werden immer noch nennenswerte Kohlendioxidmengen dauerhaft in Form von Humuskomplexen in den Böden gespeichert.

Wenn wir Wirtschaftswälder als Kohlendioxid-Speicher nutzen wollen müssen wir viel mehr darauf achten, wie und für welche Produkte wir Holz einsetzen!

MfG, Stephan Günther

Peter Kramer
20.04.2012 - 15:24 Uhr

Hallo Frau Stein,

Ihren Kommentar habe ich wohl gelesen und verstanden, sogar auf Ihren Link habe ich geklickt - was fehlt ist schlicht die Relevanz für das, was Sie nachweisen wollen, nämlich das Greenpeace nicht mit [Halbwahrheiten, Verdrehungen und als unumstößlich deklarierten Argumenten, die näherer Untersuchung nicht standhalten] arbeitet.

Und da hilft es auch nicht, Stohmänner aufzubauen.





Konrad Prielmeier
18.04.2012 - 17:33 Uhr

Die Forderung nach Flächenstilllegungen in Höhe von 10% der öffentlichen Waldfläche ist eine Forderung aus der nationalen Biodiversitätsstrategie des Bundes. Die genauso wie die Bundesregierung demokratisch gewählte und legitimierte Regierung des Freistaats Bayern hat eine eigene, bayerische Biodiversitätsstrategie beschlossen. Diese (und nicht die von der Bundesregierung beschlossene Strategie) ist für Bayern maßgeblich.

Konrad Prielmeier (Bayerische Staatsforsten)

Marion Stein
18.04.2012 - 17:04 Uhr

Sehr geehrter Herr Kramer,

wenn Sie meinen Kommentar gelesen hätten, wäre Ihnen sicher aufgefallen, dass ich – zum besseren Verständnis Ihrerseits – unter Punkt 3 einen weiterführenden Link angegeben habe ... und sofern Sie den Inhalt dieses PDFs gelesen hätten, würden Sie vielleicht einsehen, dass das Thema des Dialogforums die Nationale Biodiversitätsstrategie (NBS) der Bundesregierung war. Zu lesen ist dort beispielsweise:

"Aus der Nationalen Biodiversitätsstrategie (NBS) der Bundesregierung ergeben sich konkrete Anforderungen an öffentliche Forstbetriebe in Deutschland (z.B. die Forderungen, eine Strategie zur vorbildlichen Berücksichtigung der Biodiversitätsbelange für alle Wälder im Besitz der öffentlichen Hand zu entwickeln sowie auf 10% der Waldfläche eine natürliche Waldentwicklung zuzulassen)."

Leider weigert sich die BaySF trotz "konkreter Abforderungen an öffentliche Forstbetriebe [...] auf 10% der Waldfläche eine natürliche Waldentwicklung zuzulassen".
Auch am Dialogforum hat sich die BaySF meines Wissens leider nicht beteiligt.

Mit freundlichen Grüßen
Marion Stein