Der Wald von übermorgen

Diplom-Forstwirt Horst Grünvogel bei der Vermessung des Waldes

Wenn man etwas über die Zukunft des Waldes lernen möchte,
muss man sehr genau hinschauen und aufpassen, dass man sie nicht
zertritt. Man braucht nur ein paar Schritte neben dem Weg durch die
Bäume machen. Aber vorsichtig! Der Wald von morgen drängelt vor -
witzig seine kleinen grünen Hauben durch das herabgefallene Laub
des Vorjahrs zwischen unseren Füßen. Bis aus dem, was so leicht
zer treten ist, ein Wald erwächst, werden zwei bis drei neue Menschengenerationen auf diese Erde kommen. Das ist das Schwierige, wenn
man im, wenn man mit dem Wald arbeitet. Und das ist das Schöne.
Man sieht selten unmittelbar die Ergebnisse seiner Arbeit. Wenn,
dann hat man das geerntet, was Generationen vorher angelegt worden
war. Der Wald von heute ist der Wald, den unsere Vorväter angelegt
haben. Aber durch den Wald von übermorgen, den wir heute erschaffen,
werden nicht wir, sondern unsere Enkelkinder laufen.

Zeit der Veränderung: Das Klima wandelt sich. Nicht nur der bayerische
Wald leidet noch heute an den Folgen der Dürre im Sommer
2003. Wegen der hohen Öl- und Gaspreise ist Holz als Primärenergieträger
seit einiger Zeit wieder stark gefragt. In einer Gesellschaft
mit immer mehr Freizeit dient der Wald stärker denn je als Erholungs-
und Erlebnisraum. Auf diese Veränderungen müssen auch die
Bayerischen Staatsforsten reagieren. Dabei gilt es, die ökologischen
Funktionen des Waldes nicht zu vergessen und nicht zuletzt auch
die Wirtschaftlichkeit des eigenen Handelns im Auge zu behalten.
Wohin also soll sich der Wald entwickeln? Wichtige Entscheidungen
stehen an, und nicht allein wir, sondern vor allem unsere Nachfahren
werden urteilen, ob wir das Richtige getan haben. Die Bayerischen
Staatsforsten tragen Verantwortung für Generationen.

In diesen Zeiten den Wald von übermorgen zu planen, stellt eine
besondere Herausforderung dar. Und die geht man am besten im
Wald von heute an, denn er ist Ausgangspunkt für alle Veränderungen.
Als Basis der Betriebsarbeit muss erstmal Inventur gemacht werden
und solch eine Waldinventur ist wie eine Zeitreise. Man begegnet
Baumriesen, an denen schon vor 200 Jahren Junghirsche ihre Geweihe
geschrubbt haben. Im Schatten der Alten steht knöchelhoch der Nachwuchs,
der hier in fünfzig Jahren vielleicht auch mal Schatten spenden
wird. Auch totes Holz liegt herum, zeugt von längst vergangenen Zeiten
und schenkt Tieren und Pflanzen neues Leben.

An von den Statistikern exakt festgelegten Punkten vermessen
Mitarbeiter der Bayerischen Staatsforsten den Wald, und das bedeutet
weit mehr als Bäume zählen. Jedes Holz und jedes Grün im Umkreis
von zehn Metern wird erfasst, Höhe, Alter, Umfang und Art bestimmt
sowie Zuwachs, Vorrat und Schäden im Revier ermittelt. Die Daten,
die nach einem aus geklügelten Stichprobenverfahren erhoben werden,
dienen als Planungsgrundlage für die Waldbewirtschaftung der
Zukunft. Ein zentrales Ziel der Planer ist die Bewahrung und Verbesserung
der biologischen Vielfalt. Noch gibt es Fichtenmonokulturen,
die anfällig sind für Schädlingsbefall und Sturmschäden. Artenreichtum
in Flora und Fauna verbessert die Anpassungsfähigkeit des
Ökosystems Wald gegenüber Umweltveränderungen und stärkt das
Regenerationspotenzial. Zu den wichtigsten Eckpunkten des Nachhaltigkeitskonzepts der Bayerischen Staatsforsten zählen deshalb
Schaffung, Erhalt und Aufbau naturnaher, gesunder und leistungsfähiger
Mischwälder, die einer Vielzahl heimischer Tier- und Pflanzenarten
als Lebensraum dienen. Auch Waldflächen, in denen keine
Nutzung stattfindet, sind fester Bestandteil der Planung.

Ließe man den bayerischen Wald einfach 200 Jahre für sich allein,
würde er sich in einen Buchenwald verwandeln. Die Buche, wegen
ihrer intensiven Durchwurzelung auch tieferer Bodenschichten und
des gut zersetzbaren Laubes, das viel nährstoffreichen Humus bildet,
auch „Mutter des Waldes“ genannt, wäre aufgrund ihrer natürlichen
Konkurrenzkraft eigentlich die vorherrschende Baumart in Bayern,
macht aber im Staatswald nur etwa 17 Prozent der Fläche aus. Die
Fichte dominiert das Waldbild in Bayern. Grund dafür sind die umfangreichen
Pflanzungen, die vor allem nach den beiden Welt kriegen
angelegt wurden, weil die Fichte mit ihrem schnellen Wuchs und
vielseitig verwendbarem Holz als Ideal für die Aufforstung übernutzter
Wälder erschien. Ein waldbaulicher Fehler, wie sich später zeigen
sollte.

Mit der Fichte lassen sich auch heute noch die höchsten Erträge
erzielen, jedoch verbunden mit einer verringerten ökologischen
und sozialen Wertigkeit und mit dem höchsten Risiko: In trockenen
Gebieten leidet die Fichte leicht an Wassermangel, in feuchten Böden
wurzelt sie aber nur flach und ist deshalb durch Stürme gefährdet.
Das zeigte sich eindrucksvoll bei den großen Windwürfen durch die
Orkane „Vivian“ und „Wiebke“ im Jahr 1990, die allein in Bayern
23 Millionen Festmeter Schadholz und europaweit einen Schaden
von drei Milliarden Euro verursacht hatten. Hinzu kommt die Gefahr,
von Schädlingen wie dem Borkenkäfer befallen zu werden. Der „Umbau“
der fichtendominierten Bestände zu sowohl ökologisch als auch
sozial und wirtschaftlich wertvollen Mischwäldern zählt aus diesen
Gründen zu den größten und wichtigsten Aufgaben in den bayerischen
Staatswäldern.

Der Klimawandel birgt zusätzliches Risiko für fichtendominierte
Waldgebiete. Der Rekordsommer 2003 und die damit verbundene
Trockenheit verursachten auch in den Folgejahren erhebliche Dürreund
Borkenkäferschäden. Im geschwächten Bestand bleiben naturgemäß
vermehrte Schäden durch Insekten nicht aus. Geringere
Holzerlöse, höhere Aufarbeitungskosten, vertrocknete Kulturen und
wieder aufzuforstende Kahlflächen kosteten allein in Bayern mindestens
90 Millionen Euro.

Um den verschiedenen Bedürfnissen der Gesellschaft und deren
Anforderungen an die Waldbewirtschaftung sowie gleichzeitig den
ökologischen, aber auch ökonomischen Notwendigkeiten gerecht zu
werden, hat sich das Konzept der „naturnahen Bewirtschaftung“ durchgesetzt.
Hierbei wird auf Kahlschläge verzichtet, stattdessen werden
einzelne Bäume aus dem Bestand entnommen, vornehmlich dort, wo
bereits jüngere Misch vegetation Licht für weiteres Wachstum benötigt.
Auch Totholz belässt man heute in Form von ganzen Bäumen, Baumstümpfen,
geworfenen Stämmen, Baumkronen, Ästen und Reisig im
Wald, um Kleintieren, Insekten und Jungpflanzen Raum zu geben und
die natürliche stoffliche Kreislaufwirtschaft im und auf dem Waldboden
zu erhalten.

Die Verjüngung des Waldes ist nicht nur forstwirtschaftlich geboten,
um das entnommene Holz durch neues zu ersetzen, sondern auch,
um neue Baumarten in den Bestand zu bringen. Die forstliche Planung
sieht jährlich eine Neukulturfläche von 2 000 Hektar vor, zusätzlich
werden 4 000 Hektar auf natürlichem Wege neu bestockt. Die Naturverjüngung
stellt unbestritten die in ökologischer und betriebswirtschaftlicher
Hinsicht optimale Variante dar, doch dringende Wald -
bausituationen in großen Monokulturbeständen oder Windwurf und
Käferbefall machen Pflanzungen mitunter unumgänglich. Acht Millionen
Setzlinge bringen die Staatsforsten jährlich aus, drei Millionen
stammen dabei aus der betriebseigenen Pflanzenversorgung, die restlichen
fünf Millionen müssen eingekauft werden. Jüngere Forschungsergebnisse
haben gezeigt, dass Saat statt Pflanzungen zu ähnlich
guten Ergebnissen führt, jedoch deutlich preiswerter zu haben ist. So
hoffen die Staatsforsten, die jährlich 12 Millionen Euro Kosten für
Kunstverjüngung zukünftig deutlich zu reduzieren. Die gesteuerte
Verjüngung zeigt bereits erste Ergebnisse: In den Jungbeständen
liegt der Fichtenanteil bereits deutlich unter dem in alten Beständen.
Der Anteil des Laubholzes ist hingegen in den letzten 20 Jahren schon
um 20 Prozent gestiegen. Der Weg zum bunten Mischwald allerorten
ist allerdings noch weit: Erst etwa 30 Prozent der Bäume im Staatswald
tragen Blätter, 46 Prozent immerhin noch Fichtennadeln.

Um ihrer komplexen Aufgabe gerecht zu werden, setzen die Bayerischen
Staatsforsten in fast jedem Betriebsbereich zunehmend
modernste Technik ein. So helfen heute Luftaufnahmen bei der Kartierung
und bei der Planung der Wirtschaftsflächen. Per Luftüberwachung
geht es auch gegen den Borkenkäfer. Insbesondere im Hochgebirge
erleichtert der Hubschrauber das Orten und Kartieren von Borkenkäfernestern.

Die vielleicht wichtigste, auf jeden Fall aber am meisten diskutierte
technische Neuerung stellt der „Harvester“ dar, jene Erntemaschine,
die dem Forstwirt einen Teil seiner harten und gefährlichen Arbeit
abnimmt. Anfang der 1990er Jahre kamen die ersten nach Deutschland,
um bei den Aufräumarbeiten nach den großen Windwürfen zu
helfen. Moderne Maschinen haben jedoch mit den Ungetümen von
damals nichts mehr gemein. Auf mehr als einen halben Meter breiten
Niederdruckreifen fahren die Erntemaschinen heute ins Holz und
greifen mit ihren Werkzeugarmen bis zu 15 Meter weit zwischen die
Bäume. Harvester ermöglichen eine besonders vegetationsschonende
Einzelbaumentnahme, weil sie den Stamm nicht einfach auf Jungpflanzen und Bodenbewuchs krachen lassen, sondern aus dem Bestand
heben und erst auf der eigens angelegten Rückegasse ablegen.

40 Prozent der etwa fünf Millionen Festmeter in den Staatswäldern
ernten bereits Harvester. Der Anteil soll in den kommenden Jahren
weiter steigen. Ersetzen oder verdrängen wird die Maschine den
Menschen aber nicht. Der Prozessor kann nur in fahrbarem Gelände
arbeiten, in schwierigem Terrain muss der Forstwirt ernten. Anstatt
die gefährliche Motorsäge zu führen, können die Forstwirte heute
mehr Zeit und Energie in die Waldverjüngung und Naturschutz -
maßnahmen stecken. Auch deshalb haben Waldarbeiter ein sehr
ent spanntes Verhältnis zu den neuen motorisierten Kollegen.

Technische Innovationen allein genügen jedoch nicht, um mit den
Folgen des Klimawandels umgehen zu können. Deshalb engagieren
sich die Bayerischen Staatsforsten auch in der Forschung. Auf Be-obachtungsflächen fördern sie beispielsweise in enger Kooperation
mit dem Lehrstuhl für Waldwachstumskunde der Technischen Universität
München die Untersuchung des Wuchsverhaltens der Wälder.
Die Veränderungen der Wuchsleistungen im Zeitablauf erlauben
unter anderem Rückschlüsse über mögliche Schädigungen, Schadstoffbelastungen, Nährstoffeinträge oder auch über die Dimension
der Kohlenstoffbindung. Einen Vorgeschmack des drohenden Klimawandels
gab der Sommer 2003. Für die Wiederaufforstung der durch
Hitze und Dürre geschädigten Wälder suchen die Bayerischen Staatsforsten
deshalb insbesondere für die von Natur aus trockenen Standorte
nach Baumarten, die gut mit einer Erhöhung der Jahresdurchschnittstemperatur
umgehen können. Es ist kaum abzusehen, welchen gesellschaftlichen Bedarf der Wald der Zukunft decken soll. Deshalb positionieren sich die Bayerischen Staatsforsten als wohl sortierter Warenladen -- gesund, ökologisch variabel und ökonomisch flexibel. Die naturnahe Bewirtschaftung der Wälder und der Umbau zu artenreichen Biotopen sind der beste Weg, um künftigen Generationen
einen Wald voller Möglichkeiten zu hinterlassen.

von Hanno Charisius

(Erschienen in "Zukunftswald", dem Magazin der Bayerischen Staatsforsten, Dezember 2006)



<- Zurück zu: Archiv

Kommentare

Kommentar schreiben





CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz  


 

Es sind noch keine Kommentare abgegeben worden