Die Rückkehr der Moosjungfern

Lebensraum Moor

Große Moosjungfer

Eine besondere Rarität unter den Moorbewohnern ist die Große Moosjungfer (Foto: Christian Fischer)

Man kann es auf den einfachen Satz bringen, dass die Menschen Angst vor Mooren hatten. Böse Geister vermuteten sie in diesen oft schwer zugänglichen Gebieten. Eine gefährliche Bedrohung schien vom Moor auszugehen, tödlich für jeden, der sich dort verirrte. Verschwand ein Wanderer oder die Kuh von der Weide, hatte man gleich das nächstgelegene Moor im Verdacht. Verschlungen und weg, auf Nimmerwiedersehen. Moore waren damals keine vielfrequentierten Ausflugsorte für das sonntägliche Picknick, die Anziehungskraft auf den Menschen hielt sich in sehr engen Grenzen.

Entstanden sind die meisten Moore nach der letzten Eiszeit. Vereinfacht gesagt funktionierte das so: Die Klimaerwärmung zum Ende der Eiszeit führte zu starken Niederschlägen, die Eisschicht schmolz und der Grundwasserspiegel stieg an. Viele Täler und Senken wurden überflutet. Dort, wo dieser Wasserüberschuss aus Regenwasser oder Bodenwasser dauerhaft war, veränderte sich die Vegetation: Immer mehr Feuchtigkeit liebende Pflanzen siedelten sich an. Durch den Mangel an Sauerstoff im Wasser wurden deren Reste nur unvollständig abgebaut und als Torf abgelagert. Im Lauf von vielen Jahrhunderten bildete sich so eine Vielzahl an stattlichen Moorgebieten heraus.

Im Wesentlichen unterscheidet man zwischen zwei Moortypen, abhängig davon, von wo sie ihren Wassernachschub beziehen: Niederschlagsgenährte Moore und grundwassergenährte Moore, jeweils mit einer ganzen Reihe an Untertypen. Gemeinsam ist allen Mooren, dass sie wie Schwämme funktionieren: Sie saugen Wasser an, speichern es und geben es mit einer Verzögerung von einigen Tagen wieder ab. Gerade bei starken Regenfällen haben Moore in Einzugsbereichen von Flüssen eine wichtige Rückhaltefunktion bei Hochwässern. Man schätzt, dass Moore etwa 10 Prozent des weltweit vorhandenen Süßwassers speichern. Ein wichtiger Nebeneffekt: Moore filtern Schadstoffe aus dem Wasser und schützen das Grundwasser.

Davon wussten die Menschen vor 3.000 Jahren natürlich noch nichts. Für sie waren Moore Gebiete, um die man einen großen Bogen machte. Mancherorts wurden Moore als Friedhöfe genutzt, anderswo versuchte man, den jeweils zuständigen Gott oder Götzen durch ein Menschenopfer im Moor auf seine Seite zu ziehen und ihn für die nächste Ernte oder zur Abwehr einer Seuche gnädig zu stimmen. Wie wir heute wissen, haben die Opfergaben nicht wirklich viel geholfen, bestenfalls ließ sich ein Placebo-Effekt erzielen. Völlig zurecht kam man daher wieder vom Brauch der Menschenopfer ab und ließ das Moor einfach Moor sein.

Der Mensch wäre jedoch nicht Mensch, wenn er nicht versucht hätte, sich auch die nassen Winkel der Erde untertan zu machen – ob auf biblisches Geheiß, aufgrund genetischer Programmierung oder aus einem gewissen Geltungsbedürfnis heraus sei hier mal dahin gestellt. Jedenfalls wuchs die Bevölkerung, der Bedarf an Ackerfläche und auch an Brennmaterial stieg – und für die Moore wurde es langsam eng. Die Moornutzung und der Torfabbau begann teilweise bereits in der Jungsteinzeit. Bis ins Mittelalter wurden meist nur die Randgebiete der Moore genutzt. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts ging man zur Trockenlegung ganzer Moore über. Man entzog dem Moor das Element, das es zum Überleben am dringendsten braucht: Wasser. Entwässerungsgräben hatten eine Wirkung wie ein aus der Badewanne gezogener Stöpsel: Das Wasser lief ab, die Moore trockneten aus und die darin lebende Flora und Fauna starb. Vor allem in den letzten 150 Jahren wurden auf diese Weise eine Vielzahl von Mooren unwiederbringlich zerstört – und damit auch der Lebensraum für eine Vielzahl von Tieren und Pflanzen, darunter echte Raritäten wie die Große Moosjungfer, eine spezielle Art der Moorlibellen, die heute auf der Roten Liste als stark gefährdet eingestuft ist. Aber auch  Amphibien wie der Moorfrosch oder der Bergmolch, Reptilien wie Bergeidechse und Kreuzotter und eine Vielzahl von Tagfaltern, Heuschrecken und Spinnen verloren ihren Lebensraum.

Heute weiß man um die Bedeutung dieser einzigartigen Biotope für die Natur. Allein im Zuständigkeitsbereich der Bayerischen Staatsforsten gibt es mehr als 10.000 Hektar Moore. Das Waldunternehmen hat sich zur Aufgabe gemacht, bestehende und intakte Moorlandschaften zu schützen oder beschädigte Moore – soweit noch möglich - zu renaturieren. Dazu werden in einem ersten Schritt alle Moorbereiche mit einer Größe von mehr als einem Hektar systematisch erfasst und beschrieben. Bei beschädigten Mooren werden Renaturierungsmaßnahmen eingeleitet: Man tut dabei im Grunde nichts anderes als die Entwässerungsgräben vergangener Zeiten zu stopfen. Im Rahmen der sogenannten Besonderen Gemeinwohlleistungen haben die Bayerischen Staatsforsten seit ihrer Gründung im Jahr 2005 mehr als 250.000 Euro zur Renaturierung und zum Schutz der Moore ausgegeben, zum großen Teil refinanziert durch den Freistaat Bayern. Mit der Wiedervernässung der Kollerfilze und der angrenzenden Sterntaler Filze südwestlich von Rosenheim wurde eines der größten Renaturierungsprojekte der letzten Jahrzehnte in Bayern gestartet. Etwa 130 Hektar sind das insgesamt, ein Teil davon ist bei in der bayernweit einzigartigen Moorerlebnisstation schon jetzt zu besichtigen: Ein Erlebnisraum für Besucher, aber auch und vor allem ein Lebensraum für seltene Tiere wie die Große Moosjungfer.

 

Foto: Christian Fischer: Lizenz



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